Was ist Armut ?

von Karl-Heinz Klein

Der Begriff Armut lässt sich nicht eindeutig definieren.

Wirtschaftlich betrachtet ist Armut eine "Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen". Generell gibt es eine Unterscheidung zwischen "absoluter Armut" und "relativer Armut".
"Absolute Armut" bedroht die physische Existenz. Als "absolut arm" gelten Menschen, die pro Tag weniger als einen US-Dollar ausgeben können. In Wohlstandsgesellschaften wie in Deutschland wird Armut meist als "relative Armut" definiert. Die "relative Armutsgrenze" bezieht sich auf statistische Zahlenwerte wie das durchschnittliche Einkommen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet denjenigen als arm, der monatlich weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens seines Landes zur Verfügung hat. Die OECD-Skala der "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung" geht dagegen von 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens aus.
Diese Armutsgrenzen sind jedoch umstritten. Weil die sogenannte Einkommensarmut den gesellschaftlichen Status nicht genügend wiedergibt, versucht man mit dem "Lebenslagenkonzept" eine weitere Beschreibung. Dieses Konzept interpretiert Armut als Unterversorgung in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel in den Bereichen Wohnen, Bildung, Gesundheit, Arbeit, Einkommen und Versorgung mit technischer und sozialer Infrastruktur. Eins haben fast alle Versuche, das Problem "Armut" zu beschreiben, gemeinsam: Es geht um die ungleiche Verteilung von Chancen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Wen trifft Armut am häufigsten?
Früher waren in besonderem Maß ältere Frauen von Armut betroffen. Es hieß, "Armut ist alt und weiblich". Heute ist Armut jung, man spricht von "Infantilisierung" der Armut. Wer viele Kinder hat oder allein erziehend ist, trägt ein größeres Armutsrisiko als kinderlose Menschen oder Ehepaare, die gemeinsam ihre Kinder aufziehen können.
Wesentliche Ursache für ein erhöhtes Armutsrisiko bleibt die Arbeitslosigkeit. Über 46% der Langzeitarbeitslosen leben in Armut! Eine entscheidende Rolle für die Situation spielt das Bildungsniveau des Einzelnen: Wer über einen niedrigen Bildungsstand verfügt, ist stärker gefährdet in die Armut abzugleiten. Denn gute Bildung und Ausbildung sind noch immer die besten Garanten für einen Arbeitsplatz.
Sehr gefährdet sind zudem wohnungslose Menschen, Ausländer und in Zukunft – durch die Gesundheitsreform und die Anpassung der Renten – wieder verstärkt alte Menschen, chronisch Kranke und Behinderte. Häufig kommen gleich mehrere Belastungen zusammen, wie geringes Einkommen, ungesicherte oder schlechte Wohnverhältnisse, Verschuldung, chronische Erkrankungen, psychische Probleme und soziale Ausgrenzung.

Wie kann die Situation verbessert werden?
Jeder kann einen Beitrag leisten, die Situation zu verbessern. Eine Möglichkeit ist es, Geld oder Kleider an eine der vielen Wohlfahrtsorganisationen zu spenden, zum Beispiel an die Tafeln, die Caritas oder Diakonie, die Arbeiterwohlfahrt oder das Rote Kreuz. Es müssen aber nicht unbedingt Spenden sein. Wer sich persönlich engagieren will, kann bei den gleichen Verbänden ehrenamtliche Mitarbeit anbieten. Dort können Interessierte zum Beispiel in der Kleiderkammer tätig werden oder bei der Essensausgabe in einer Suppenküche helfen. Auch im kleineren, privaten Rahmen gibt es genug Möglichkeiten zu helfen, zum Beispiel in der Schule. In vielen Klassen gibt es Schüler und Schülerinnen aus sozial benachteiligten Familien, die Unterstützung von außen benötigen. Damit die Betroffenen sich nicht "outen" müssen, könnte die Klasse beziehungsweise der Lehrer oder die Lehrerin für einen "Sozialfond" sammeln. Mit dem Geld könnten Klassenfahrten finanziert werden, Schreibutensilien oder Bücher. Neben solchen praktischen Hilfsangeboten wäre es wichtig, dass Armut in der Gesellschaft zum Thema wird. Die Betroffenen sollten auch psychisch unterstützt werden.

Der Schlüssel zur Armutsvermeidung ist eine sozial abgesicherte vollzeitnahe Beschäftigung. Angesichts des erwarteten weiteren Wirtschaftswachstums und rückläufiger Arbeitslosenzahlen gibt es gute Voraussetzungen die Armutsrisiken weiter zu vermindern und Teilhabechancen zu verbessern.

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